Was sind eigentlich Spitzen?

„Nichts ist so sehr vom Weibe, für das Weib geschaffen, wie die Spitzen. Nichts kleidet die Frau jeden Alters – ob Kind oder Greisin – besser und lieblicher. Nichts aber auch ist in der Arbeit selbst so symbolisch weiblich, wie dieser schönste und edelste Schmuck, dessen Anfertigung hingebende Geduld und rastlosen Fleiß erheischt: Zu stillem, weltfremden Lebenswandel gezwungen, arbeitet und müht sich die Spitzenarbeiterin ihr Lebelang für andere!“ (Bertha von Jurie, 1907)

Spitzen, Spitze oder auch Spitzenstoff, sind seit mehr als 500 Jahren die ausdrucksfähigsten und technisch höchst entwickelten Gebilde der Textilkunst[1]. Die ersten Spitzen tauchten im Orient auf und waren, wie so vieles was „in Mode“ kommt, Ausdruck einer neuen Bewegung und Befreiung von den damals vorherrschenden Regeln.

Durch die Fertigung von Spitzen wollte man der tristen Einheitsbekleidung, geprägt durch die düstere Zeit des Mittelalters, entfliehen. Denn bunt war gefragt.

Spitzen im Mittelalter
Porträt einer vornehmen Dame, Lucas Cranach 1564

Dieser Drang nach Veränderung durch Ornamentik führte damals auch in Europa zu Auswüchsen an Scheckigkeit und zackigen Ausbuchtungen insbesondere an Randzacken bei Ärmelenden von Hemden.[2] Auch wurden in dieser Zeit die Spitzentechniken verfeinert.

Später in der Renaissance wandte man sich auch bei der Fertigung von Spitzen wieder von der Buntheit ab. Man entwickelte eine Vorliebe für zurückhaltende Farbtöne. Weiß wurde modern. Bei den Fertigungstechniken der Spitzen kam es nun, da man nur noch Weiß als Farbe verwendete, auf die Konstruktion der Gebilde an. Zu dieser Zeit entstanden in England, Frankreich, Belgien und Italien die aufwendigsten Spitzenmuster.

Diesen kleinen Umweg zur Geschichte mussten wir gehen, um zu erfassen, warum Spitzen überhaupt entdeckt und kultiviert wurden. Bei der Definition des Begriffs der Spitzen ist dies nicht ganz so einfach.

Eine mögliche Begriffserklärung lieferte Bertha von Jurie in ihrem Buch „Spitzen und ihre Charakteristik“ (Verlag Bruno Cassirer, Berlin 1907)[3]. Durch die Beschreibung heute weitreichend vergessener Handfertigungstechniken wurde hier versucht das Wesen der Spitzen zu umreißen.

Klarer gelingt es Albert Ilg in seinem Buch „Geschichte und Terminologie der alten Spitzen“ (Wien 1876), der festlegt: „Spitzen sind durchbrochene und darum den Untergrund durchscheinenlassende Textilarbeit“.

 

Ausgehend von dieser Definition gab es bereits vor hundert Jahren viele Techniken, um diesen Effekt zu erzeugen.

Welche Fertigungstechniken zu einem „Durchscheinenlassen“ führen und welche als „echte“ bzw. „unechte“ Spitzentechniken gelten, wird in einem weiteren Beitrag beschrieben.

 

[1] Schöner; Spitzen -Enzyklopädie der Spitzentechniken, VEB Fachbuchverlag Leipzig, S.9

[2] Schöner; Spitzen -Enzyklopädie der Spitzentechniken, VEB Fachbuchverlag Leipzig, S.18

[3] http://www.gutenberg.org/files/48256/48256-h/48256-h.htm

 

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