Woran erkenne ich hochwertige Spitzenstoffe?

„A woman seldom asks advice before she has bought her wedding clothes.“ (Joseph Addison 1672-1719)

Jede Frau hat ihr ganz persönliches Brautkleid für diesen einen großen Moment genau vor Augen. Umso schwieriger – und auch falscher – ist es, schöne von weniger schönen Brautkleidern zu unterscheiden. Denn auch die Brautkleider unterliegen modischen Aspekten und müssen ganz individuell zur Persönlichkeit der Braut passen.

Hochwertige Spitzenstoffe - brautmode der 1920er Jahre
Hochwertige Spitzenstoffe – Brautmode der 1920er Jahre

Genauso ergeht es vielen bei der Auswahl der passenden Spitzen Stoffe. Spitzen sind eben nicht gleich Spitzen und vieles, was als hochwertige Spitzen Stoffe verkauft wird, ist oft nicht einmal Spitze im eigentlichen Sinn.

Die in diesem Zusammenhang hauptsächlich zu klärende Frage ist, „Warum sind Spitzen entstanden?“

Nun, der Grund weshalb Spitzen überhaupt gefragt waren, war ein ganz einfacher. Man brauchte Abschlüsse für die offenen Gewebekanten und hier vor allem bei Ärmeln. Je schöner und aufwendiger diese gearbeitet waren, desto hochwertiger war die Spitze.

– Das ist übrigens auch der Grund, warum für viele Spitzenstoffe auch heute nur als Besatz oder Bändchen bekannt sind. –

Es gilt auch heutzutage als besonders schön, wenn Spitze den Untergrund durchschimmern lässt und einen geschmückten aber zarten Übergang oder Abschluss schafft. Egal ist dabei, ob nun Haut gezeigt wird oder eben ein anderes korrespondierendes Gewebe. Wichtig war und ist der erzielte Licht-und Schatteneffekt, den NUR Spitze erzeugen kann.

Die Aufgabe der Spitzennäherin war es, diesen Licht und Schatteneffekt so deutlich wie möglich herauszuarbeiten oder eben nicht. Denn auch dichte und wenig mit dem Untergrund spielende Ornamente können sehr hochwertig und fein wirken. Man betrachte hier insbesondere die Valenciennes – Spitze.

Hochwertige Spitzenstoffe aus dem 1800 Jahrhundert
Hochwertige Spitzenstoffe aus dem 1800 Jahrhundert.

Grundsätzlich gibt es für die Beurteilung von Spitzen vier markante Merkmale

Das erste Merkmal ist das Muster oder Ornament. Übliche Motive sind Blumen oder Ranken. Oft werden – insbesondere in der modernen Haut Couture – auch hochwertige Spitzen mit geometrischen Motiven verarbeitet. Die Möglichkeiten der Musterung hängen auch immer eng mit der verwendeten Technik zusammen und sind in keinem Fall isoliert zu betrachten. So sind bei der einfachen Occy-Technik nur Bögen darstellbar, während die traditionellen Sol-Spitzen fast nur strahlenartige Gebilde aufweisen. Bei den Klöppelspitzen gab es am Anfang nur den Flechtschlag, erst mit der Verwendung des Formschlags wird eine aufwendigere Musterung möglich.

Grundsätzlich lässt sich aber eine einfache Regel aufstellen, je verschiedenartiger die Musterung innerhalb eines Rapports[1] ist, desto aufwendiger ist die Technik und damit wird die Spitze hochwertiger.

Hochwertige Spitzenstoffe im Vergleich zur Raschelspitze
Hochwertige Spitzenstoffe – Einfache Raschelspitze mit gleichförmiger Ornamentik

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Hochwertige Spitzenstoffe - venezianische Nadelspitze mit Relief
Hochwertige Spitzenstoffe – Aufwendiges Muster der Spitzestoffe aus Venedig

 

Das zweite Merkmal ist die Textur. Mit der Textur eines Spitzenstoffes ist der Gefügecharakter der sich in der Spitze verbindenden Fäden gemeint. Also die Dichte und die Dicke des Musters. Das erklärte Ziel, wie bereits oben erwähnt ist der Licht- und Schatteneffekt, also das Abheben des Spitzenstoffes vom Untergrund.

Durch die Textur kann eine Spitze mehr oder weniger offen bzw. geschlossen wirken. Je offener die Spitze gestaltet ist, desto weniger hebt sich dieser Teil des Musters vom Untergrund ab. Das wird besonders deutlich bei der oft von Prada oder Dolce und Gabbana verwendeten Spitze.

Hochwertige Spitzenstoffe - hochwertige französische Webspitze
Hochwertige Spitzenstoffe – hochwertige französische Webspitze
Hochwertige Spitzenstoffe - Webspitze bestickt mit Perlen und Pailletten
Hochwertige Spitzenstoffe – Webspitze bestickt mit Perlen und Pailletten

Natürlich muss erwähnt werden, dass Textur und Technik (siehe nächstes Kapitel) voneinander abhängig sind.

Bei hochwertigen Spitzenstoffen, die auf einen starken Kontrast zum Untergrund abzielen, sind die offen gehaltenen Bereich gekennzeichnet durch zuweilen sehr große Öffnungen im Netz. Die geschlossenen Bereiche dagegen sind sehr dicht und zuweilen mit Gimpefäden oder Stickerei verziert.

Als drittes Merkmal wird die Technik betrachtet. Als Spitzen noch genäht bzw. per Hand geklöppelt wurden gab es vier grundsätzliche Techniken, die innerhalb eines Stoffes kombiniert werden konnten; Weben, Stricken, Wirken und Sticken.

Da mittlerweile alle in der Konfektion verarbeiteten Spitzen auf Maschinen hergestellt werden, sind Kombinationen der einzelnen Techniken fast verschwunden. Alle Tülle – egal ob verziert durch Muster oder später bestickt – entstehen durch Wirken. Beim Wirken werden Maschen gebildet. Die am weitesten verbreiteten Maschinen zur Spitzenherstellung sind Raschelmaschinen. Kein Wunder also, dass die meisten Spitzen, die wir in der Hand, halten Raschelspitzen sind.

Die Musterungen entstehen durch sogenannte Jaquard – Apparate. Je aufwendiger die Musterung also ist, desto komplizierter ist die verwendete Technik. Bei der Besichtigung einer Spitzenwirkerei in Sachsen, hat uns der Inhaber erzählt, dass sich die Einstellung einer Maschine auf ein neues Dessin erst lohnt, wenn mindestens eine Wochenproduktion gewährleistet ist. Also 24 Stunden x 7 Tage!

Eine andere sehr häufig anzutreffende Spitzengattung ist die der Klöppelspitze. Auch hier lässt das maschinelle Verfahren weitaus weniger Gestaltungsspielraum als dies noch bei der manuellen Fertigung der Fall war. Wie bereits oben schon herausgestellt erlaubt eine aufwendigere Technik bzw. die Kombination mehrerer Techniken sowohl eine opulentere Musterung als auch eine stärker kontrastierende Textur.

Werden noch zusätzliche Verfahren angewendet, wie das Besticken mit Pailletten oder Steinen erhöht dies zwangsläufig die Wertigkeit. Hier müssen jedoch die Qualität der jeweiligen Schmucksteine oder Pailletten beurteilt werden.

Hochwertige Spitzenstoffe - Spachtelspitze
hochwertige Spitzenstoffe mit Relief

Das letzte, wenn auch nicht weniger bedeutende Merkmal zur Beurteilung stellt das verwendete Material dar. Natürlich haben Kunststoffe natürliche Fasern weitgehend abgelöst. Halten sie doch den Belastungen beim Verarbeitungsprozess eher stand und reißen weniger oft. Besonders merkt man die Qualitätsunterschiede am „Griff“ der Ware. Werden feine Garne verwendet, ist die Spitze besonders zart. Ein Qualitätsmerkmal für Dessous.

Für Spachtelspitzen oder Klöppelspitzen werden oft robustere Garne verwendet. Damit wirkt die Spitze jedoch auch wesentlich opulenter.

 

Zusammenfassung – Woran erkennt man hochwertige Spitzenstoffe?

Muster, Textur, Technik und Material stellen die Beurteilungsmerkmale für hochwertige Spitzenstoffe dar. Die Merkmale lassen sich nicht getrennt voneinander betrachten, sondern korrespondieren. Grundsätzlich gilt,

  1. je aufwendiger das Muster und je stärker der Kontrast zum Untergrund desto hochwertiger
  2. bei wenig Musterung und „verschwommener“ Textur gilt besonders feines Material als hochwertig
  3. hochwertige Pailletten oder handgestickte Edelsteine tragen zur Wertigkeit bei

 

Die Autorin:

katharina

Katharina Braun (34) ist neben Ihrer Mutter Gabriele Braun Gesellschafterin der Braun Spitzen & Tülle GmbH & Co. KG. Nach Ihrem Studium der Betriebswirtschaftslehre begann sie im elterlichen Betrieb zu arbeiten. „Am liebsten bastle ich mit Kindern in der KITA meines Sohnes. Hier entstehen die tollsten Sachen aus unseren Stoffen.“

[1] Rapport: sich wiederholendes Muster siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Rapport_%28Textil%29)

 

RUBRIK: SPITZENSTOFFE; PFLEGE; SPITZEN STOFF

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